27 Mai 2007

Gemeinde ist nicht sesshaft

Gottesdienste im neuen Testament unterscheiden sich grundlegend von denen des alten Testaments und grundlegend von den Gottesdiensten, wie wir sie heute kennen.

Allerdings gibt es klare Parallelen zwischen den Gottesdiensten des alten und neuen Testaments. In jedem Fall waren sie nicht vom Leben zu trennen. Fromm zu tun, ohne ein gerechtes Leben zu führen, ist für Gott absolut ekelhaft und widerlich.

Im neuen Testament gibt es keinen Tempel mehr und keinen Ritus. Beides wird ins ganz normale Leben hinein aufgelöst. Wie das geht, hat Jesus uns gezeigt und die frühe Kirche hat es fortgesetzt. Allerdings gelang es nur für kurze Zeit, diesen Anspruch durchzuhalten.

Im neuen Testament steht, dass es ein Gottesdienst ist der Gott gefällt, wenn man die Witwen und Waisen, also die Schwachen und Rechtlosen besucht. Es gefällt Gott, wenn wir die Schwachen kennen, mit ihnen Zeit verbringen, ihnen zuhören, auf sie eingehen, an ihrer Seite bleiben und uns für sie einsetzen. Was in dieser Situation geschieht, vom Schuhe putzen bis zum Scherz, ist Gottesdienst. Denn es geschieht in Gottes Gegenwart, unter der Leitung seines heiligen Geistes.

Und damit wird für mich langsam deutlich, was mit Gottesdienst gemeint ist: eine hilfreiche, kreative Zeit in seiner Gegenwart, die den Schwachen hilft. Eine Zeit, die Gott durch seinen Geist gestalten kann. Eine Zeit, in der er beiden, Besuchtem wie Besucher, etwas von seinen großen Plänen zeigen kann. Und eine Zeit, in der er anfangen kann erste Schritte zu seinen Plänen zu verwirklichen. Und zwar an dem Ort, wo die Schwachen wohnen.

Ich setze mich nun seit vielen Jahren für behinderte Kinder und Jugendliche und deren Familien ein. Ich tue dies nicht allein. Das ginge gar nicht. Es ist eine aktive, aufmerksame Gruppe von Eltern, Betroffenen, Professionellen, die miteinander die Lage der Schwachen ansehen und die gemeinsam nach langfristigen Lösungen suchen. Wir denken über die Gesellschaftlichen Auswirkungen nach. Wir arbeiten an Möglichkeiten, den Schwachen ein selbstbestimmtes Leben zu eröffnen. Wir stehen vor einer faszinierenden Fülle von Aufgaben, Herausforderungen und Chancen. Die Schwachen sind ein ganz wesentlicher Teil des Ganzen. Wer hier beginnt, entdeckt sehr schnell, dass ein großes und bewegendes Abenteuer vor ihm liegt. Der Weg ist nicht leicht. Aber er ist sehr gut. Unsere Treffen werden immer kreativer, begeisternder und konkreter. Wir tun, wovon wir reden und wir spinnen den Faden immer weiter, lassen unsere Träume wachsen und orientieren uns nach jedem Schritt neu, weil immer neue Ideen und Ansätze dazu kommen.

Wir gehen Risiken ein. Wir machen Fehler. Wir scheitern manchmal. Aber wir kommen vorwärts. Manchmal schauen wir zurück, auf die Menschen, denen wir geholfen haben, auf Schulen, die wir dauerhaft zum Guten verändert haben. Und dann schauen wir nach vorn auf das, was wir alles noch vor haben. Wir genießen es, unsere Träume zusammenzuschmeißen und daraus einen neuen größeren gemeinsamen Traum zu gewinnen. Wir genießen es, wie wir einander besser kennen lernen, wie wir uns gegenseitig schätzen lernen und eine Gemeinschaft werden. Jeder bringt mit, was er hat und gibt es den anderen. Wir lernen, unsere Träume zu leben. Nicht als Institution oder Organisation, sondern als Freunde. Aber es ist kein Kaffeeklatsch. Dafür haben wir fast nie Zeit. Es sind Kreativbesprechungen, wie ich sie aus meiner Arbeit in der IT- und Werbebranche kenne. Wir suchen Wege, um mit einer gegebenen Herausforderung kreativ und erfolgreich umgehen zu können.

So stelle ich mir auch neutestamentliche Gottesdienste vor. Es sind Kreativbesprechungen, bei denen jeder das einbringt was er hat, um den Herausforderungen vor denen alle, andere, oder einzelne stehen begegnen zu können. Bisher kenne ich das nur von Gruppen, die ohne den Heiligen Geist und ohne die Vollmacht Gottes arbeiten. Ich sehe aber im neuen Testament, dass Gemeindeversammlungen genau so ausgesehen haben. Außerdem hat man zusammen gegessen, Kaffee getrunken und gelacht. Mehr noch, es hatte Elemente einer Familie, einer Sippe. Letztlich war es sogar Familie. Aber diese Erfahrung fehlt mir noch. Ich freue mich aber sehr darauf.

Gottesdienste waren konkret. Sie waren Kreativgespräche, schöpferisch, durch Offenbarung, Liebe, Vollmacht. In einem Gottesdienst ist tatsächlich etwas geschehen. Man konnte niemals sagen, was im nächsten Gottesdienst passieren würde. Nicht einmal, wann er stattfindet. Man war nie sicher vor Gottes Ideen. Und er hat noch immer die allermeisten.

Wir haben eine verheerende Tendenz, Hütten bauen zu wollen, uns niederzulassen, Formen zu suchen. Aber wir leben in einem Krieg. Die Fronten ändern sich andauernd. Wir sollen erobern. Wir müssen uns bewegen. Wir brauchen ausschließlich die Form, die Gott uns gibt. Eine Armee im Feld hat eine Menge klarer Ordnungen, ohne die sie ihren Feinden schutzlos preisgegeben wäre. Sesshaftigkeit zählt nicht dazu.

Wo finden wir das erste und wichtigste Vorbild für neutestamentliche Gemeinde? Bei Jesus selbst. Er hat seinen Jüngern zuerst abverlangt, dass sie sich in Bewegung setzen. In riskante Bewegung ohne Sicherheiten. Wer glaubt ernsthaft, dass sich dies heute geändert hat? Es gehört zu schmerzlichsten Entwicklungen in der Reformation, dass jene, die damals wirklich ernst machten, die so genannten Wiedertäufer, blutig verfolgt wurden. Stattdessen wurde ein bürgerliches Evangelium der Sesshaftigkeit und des Anstands gepredigt. Damit wurde die Reformation angreifbar und große Teile ihres Erfolges erstickten im Blut und Elend des dreißigjährigen Krieges. So fiel das Blut der Jünger sofort auf eine ungehorsame Kirche zurück. Aber sie kehrte nicht um.

Jesus war nicht sesshaft. Das war in dem Moment zu Ende, als der Vater ihn rief. Ab dann tat er Tag für Tag das, was der Vater von ihm wollte. Und er zeigte seinen Jüngern und Freunden mit seinem Leben, wie das ging. Er lebte ohne Bleibe. Trotz eines gewaltigen Trosses von Menschen, die mit ihm zogen. Es ergab sich alles auf dem Weg. Und am Ende musste Petrus bekennen, dass sie niemals Mangel gehabt hatten. Aber sie waren frei zu kämpfen, das Evangelium zu verkündigen, Kranke zu heilen und Dämonen auszutreiben. Sie lernten während sie handelten. Sie lernten während sie zusahen. Sie lernten mit jedem Schritt. Sie lernten, dass sie auf dem Wasser gehen konnten. Tag für Tag. Leicht fiel ihnen das nicht. Aber sie lernten. Und die junge Gemeinde lebte von dem, was sie bei Jesus gelernt hatten.

Damit das ganz klar ist: wir sind frei. Frei dazu, auf dem Wasser zu gehen. Und nicht weniger ist von uns gefordert. Wir können das nur, wenn wir uns genau an die Anweisungen halten, die Gott uns gibt. Ist das noch Freiheit? Ja, und nur das. Denn sonst halten wir uns genau an die Anweisungen, die Mammon uns gibt, oder ein anderer Götze. Das ist keine Freiheit.

Die Apostel in Jerusalem legten größten Wert darauf, dass sie Zeit haben um zu beten. Sie weigerten sich, administrative Arbeiten zu übernehmen. Hätten sie's getan, sie wären sofort in die Marthafalle gelaufen, die Falle der Sachzwänge und der Geschäftigkeit. Martha war jene Frau, die vorwurfsvoll mit den Töpfen geklappert hatte, während Jesus lehrte. Stattdessen sorgten die Apostel dafür, dass andere, für diese Aufgabe Berufene, das Management übernehmen. So war die Ordnung Gottes. Und hier liegt ein Schlüssel. Jesus lebte so. Gebet war ein zentraler Bestandteil seines Lebens. Ohne Gebet hätte er nicht handeln können. Gebet ist ein kreativer Prozess, eine Kreativbesprechung mit dem lebendigen Gott. Das braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Hier ist die Quelle, aus der sich alle weiteren Treffen, Gespräche und Taten ergeben. Fehlt diese Quelle, geraten wir aus den Fugen. Mit dieser Quelle kann sich der ganze Tross frei bewegen und tun, wozu Gott ihn gesandt hat und empfangen, was Gott für ihn vorgesehen hat.

Dann ist das ganze Leben der Gemeinde ein Gottesdienst. Und was für einer.

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