10 Juni 2005

Wo Gegensätze sich berühren

Kraft und Schwäche, Tod und Auferstehung, Leere und Erfüllung, Leid und Freude, Armut und Reichtum liegen bei Gott sehr nahe beieinander, als sei das Leben wie eine Möbiusschleife, die gegenüberliegende Ebenen vereinigt oder eine so weit gekrümmte Ebene, dass sich am Ende völlige Gegensätze berühren. Und genau an diesem Punkt entlädt sich etwas, das eine unglaubliche Kraft entfaltet.

Möglich wird dies durch Demut. Unser Anmarschweg ist das Sterben, die Entkräftung, Leere und Leid. Dies ist notwendig, weil mit uns auch jene Macht stirbt, die uns von Anfang an von Gott trennt: der Hochmut. Vielleicht ist dies die tiefste Wurzel aller Sünde und Rebellion gegen Gott und die hartnäckigste.

Wir sind wie löchrige Mauern, rissige Dämme durch die die Sünde hereinquillt. Habgier, Lust, Ansehen und Herrschsucht sind die vier klassischen Risse, aber der Erzriss, der am schwersten zu stopfende, ist der Stolz. Er entzieht sich jedem Zugriff in tausend Tarnungen, die wir ihm nur zu bereitwillig gewähren. Denn er wurzelt tief direkt im Lebendigen und krallt sich ins Herz. Ihn zu entfernen heißt, den Tod auf sich nehmen. Vielleicht ist dies, was die Bibel meint, wenn sie sagt, dass wir der Sünde gestorben sein sollen.

Viele Große im Reich Gottes machten ein erstaunliches Aufhebens um diese Dinge. Sie waren überzeugt, dass hier ein großes Geheimnis der Vollmacht und des geistlichen Lebens liegt. Und ich fürchte, sie hatten absolut recht. Der Stolz muss sterben und die Demut muss den Sieg davontragen. So wie auf dem Boden des Stolzes jede Sünde Wurzelboden findet und gedeihen kann, so findet auf dem Boden der Demut jede Gnade und jede Gabe Gottes Raum und kann wachsen. Den Stolz zu verlassen und die Demut zu finden, ist die größte Freude, die einem Jünger widerfahren kann. Die Demut willkommen zu heißen bedeutet, den Tod willkommen zu heißen, die Schwäche, die Leere und das Leid. Aber nicht um darin zugrunde zu gehen, sondern um dem Stolz seine Macht zu rauben, der Tod, Leere, Schwäche, Armut und Leid nicht ertragen kann. Indem wir diesen Tod erdulden, willentlich, im Vertrauen auf Gott, der uns erretten wird, verliert der Stolz seine Macht. Vielleicht ist es aufschlussreich unter diesem Gesichtspunkt einige Stellen im Neuen Testament nachzulesen. Kann es etwas mit Stolz und Demut zu tun haben, wenn Paulus in Römer 7 davon schreibt, dass er das Gute, das er tun will nicht tut, aber das Böse, das er nicht will. Es klingt wie ein Todeskampf und der Schrei eines Sterbenden, wenn er ausruft: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes?“ Kann es sein, dass hier ein Mensch in seinem Bemühen gut zu sein und das Richtige zu tun endgültig verzweifelt? Hier endet vielleicht sogar die vertrackteste Spielart des Hochmutes, die der selbstgeschaffenen Gerechtigkeit durch eigenes Gutsein. Nichts geht mehr. Und jetzt kommt es zur Berührung der Gegensätze: Im Tod ist das Leben, in der Verzweiflung das Glück, in der Ohnmacht die Kraft und in der Niederlage der Sieg. Tod und Auferstehung: „Ich danke Gott, der mir den Sieg gibt in Christus.“ Der lebendige Gott kommt seinem demütigen Diener nahe und er erlebt seine Bestimmung, ein Ort der Gegenwart Gottes zu sein, ein demütiges Gefäß der Gnade. In diesen Momenten erkennen wir Menschen unsere Heimat und unsere Bestimmung. Bleibende Demut, die sehr teuer ist, macht uns zu bleibenden Gefäßen der Gnade, der Gegenwart Gottes und seiner Macht. Wer will uns dann noch widerstehen? Auf einmal werden schwache Menschen zu einer Brücke zwischen dieser und der jenseitigen Welt und ungeahnte Kräfte werden frei, die die Welt verändern. Plötzlich fließen jene Ströme lebendigen Wassers, die Jesus uns verheißen hat. Dann haben wir tatsächlich etwas zu geben. Lebenspendendes Wasser für eine durstige Welt. Wahrheit für eine Welt in der Lüge, Reichtum für eine Welt im falschen Reichtum, Heilung für eine Welt in Krankheit und Befreiung für eine Welt in dämonischer Knechtschaft. Niemand widersteht einem demütigen Diener Gottes. Das ist nicht möglich. Jedermann muss Stellung beziehen zum Leben oder zum Tod. Weil aber Gottes Macht da ist, sind die Tore zum Himmel weit offen.