10 Juni 2005

Das Hexenbalg

Dieser Artikel entstand nach einem ersten Kontakt mit dämonischen Mächten. Ich suchte sie nicht, sondern ich störte sie. Sie hassen mich und das ist mir recht. Ich widerstehe ihnen und bekämpfe sie, woimmer es nötig wird. Ich spiele nicht mit ihnen. Niemals. Wie viele meiner Texte ist auch dieser nur ein Fragment, das wohl nie vollendet wird. Auch wenn es weit grausigere Geschichten gibt, wer zur Furcht neigt, sollte vielleicht besser nicht weiterlesen.


Nur das trockene Rasseln eines bösen fremden Atems drang in ihr düsteres Verlies. Wie eine dunkle Prozession verirrter Mönche zogen traurige Gedanken durch ihren Sinn. Irgendwo raschelten Ratten und suchten im Dreck nach etwas zu Fressen. Da waren diese Stimmen in ihrem Inneren. Sie flüsterten, irrlichterten in ihr herum und verhöhnten sie mit nachhallendem Gekicher. Manchmal wurde sie fast verrückt vor Angst. Nachts erhoben sich schreckliche Gestalten aus den dunkelsten Winkeln des Kerkers. Schatten all der hier verübten Grausamkeiten. Manchmal schien es als spielten sie mit bösen, schleppenden Bewegungen nach, welche Schrecken hier einst verübt worden waren. Warum nur waren so viele gekommen, sie zu quälen? Tag für Tag und Nacht für Nacht gingen fremde Mächte rücksichtslos durch ihr Leben. Alles, was sie eingeladen hatte in Ritualen, die ihr erst harmlos erschienen waren, aber dann eine bedrohliche Macht entfalteten. Sie war betrogen worden von den Steinen des Lichts und den Sprüchen der weißen Magie und dem Kristall der Zukunft. Allzu schnell hatte die Angst Einzug gehalten in ihren Träumen und finstere Besucher hatten sich eingestellt, die sie nie gerufen hatte. So glaubte sie zumindest.

Jetzt war sie als Hexe überführt und verurteilt. Doch hinter ihren Richtern hatte sie Schatten gesehen, die waren wie ihre eigenen Besucher. Welche Finsternis war über die Welt gekommen? Es kostete sie Anstrengung über ihr Leben nachzudenken. Sie suchte nach einem Pfad, einem Schlüssel, einem Ausweg. Als könne eine wie sie noch Hoffnung haben. Und doch war da etwas in ihr, das wollte leben. Sie wollte hier nicht bleiben und sterben. Eine große Gestalt mit bleichem Gesicht löste sich aus dem Schatten der Wand. Dunkle, böse Augen schauten sie prüfend an. Das Wesen beugte sich über sie. Voller Angst suchte sie Schutz im hintersten Winkel ihres Gefängnisses. Sie wich zurück, soweit die Kette an ihrem Fuß dies zuließ. Sie wollte schreien, doch kein Laut entrang sich ihrer Kehle. Etwas drückte auf ihre Brust, dass sie nicht Atem holen konnte. Es wurden immer mehr Wesen der Finsternis, die jetzt um ihr Lager sich versammelten und ihre Angst steigerte sich ins Unermessliche. Ein finsterer Riese, der Tod hieß blickte auf sie herab und seine bloße Anwesenheit ließ ihr das Herz fast stillstehen. Jetzt erkannte sie, die Besucher waren gekommen sie in ihre Welt zu holen, wo sie auf ewig unter den Schatten würde wohnen müssen, die sie so lange gerufen und sich gefügig gemacht hatte. Aber sie war betrogen worden, betrogen. Kein Dienst war ohne Gegenleistung erfolgt. Stets folgte ein Schuldschein auf ihre eigene Zukunft. Anderes nahmen sich die Wesen sofort und ungefragt, vieles stahlen sie heimlich und verwüsteten ihr Leben wo immer sie konnten. Und jetzt kam die Stunde der Abrechnung. Sie würde zahlen müssen, mit ihrem Leben und mit ihrer Ewigkeit. Verzweifelt suchte sie nach Hilfe und Rettung. Doch als sie die Wesen verfluchen wollte, leuchtete nichts als bösester Triumph in den leeren Augen auf. Machtlos war sie und vollkommen verloren. Scheinbar.

Als man sie am nächsten Morgen fand, schien sie über Nacht um Jahre gealtert. Ausgezehrt, zusammengekrümmt und mit schreckensgeweiteten Augen lag ihr toter Leib im Schmutz des Kerkers. Selbst der Knecht des Kerkermeisters, der viele Schrecken gesehen hatte, wandte sich mit Grausen ab vom Bild dieses Jammers.

Noch am selben Tag verscharrte man die Leiche im Schandhof hinter dem Kerker, einem verrufenen Platz, den die Leute selbst am hellen Tage mieden. Nur ein Mädchen war gekommen, das in viel zu dünne Lumpen gehüllt mit blau gefrorenen Füßen dem schändlichen Begräbnis von ferne zusah. Verlorenheit sprach aus ihren Augen. Und da sah der Knecht des Kerkermeisters, dass jenes Mädchen dort nicht allein stand. Dunkle Schatten hatten sich um sie versammelt und er sah, dass sie in großer Gefahr war. Doch als er die Stimme erheben wollte, sie zu warnen, erhob sich ein Schatten unmittelbar vor ihm aus dem Nichts. Da war ein Schrecken, den dieses Wesen verbreitete und es gebot ihm Schweigen, dass nur ein leiser erstickter Schrei zu hören war. Mit Erstaunen sah das Mädchen, wie der Kerkerknecht wankte, den Mund öffnete als wolle er rufen, aber nur ein erstickter, rasch ersterbender Ton herauskam. Sonst sah sie nichts. Nur eine merkwürdige Angst überkam sie. Sie spürte eine Gefahr in ihrer Nähe, die sie sich nicht erklären konnte.

Die Frau dort war ihre Mutter gewesen. Doch sie spürte keinen Verlust und keinen großen Schmerz, nur eine eigenartige Leere und große Hoffnungslosigkeit. Angstvoll hatte der Knecht sie angesehen, als er mit seiner Schaufel auf der Schulter an ihr vorübergegangen war.

In der folgenden Nacht erschienen ihr seltsame Wesen im Traum. Sie taten sehr freundlich, doch ihr Lächeln war eigenartig verzerrt. Es wirkte wie angefressen, von innen heraus zerstört. Sie stellten sich vor als die Diener ihrer verstorbenen Mutter. Jetzt wollten sie ihr dienen und stets zu Willen sein. Sie machten Versprechungen von Reichtum und Macht und zeigten ihr einen Vertrag, der mit seltsamen Zeichen und Runen bedeckt war, die sie nicht verstand. Aber die Zerstörung hinter den Gesichtern der Wesen schien auch hinter diesem Papier zu lauern. Die Wesen winkten ihr, zu kommen und diesen Vertrag zu unterschreiben. So bekäme sie viel größere Macht, als ihre Mutter sie je besessen hätte. Anders bliebe sie arm und stürbe bald im Unglück. Wieder lächelten die Wesen so freundlich sie irgend konnten. Aber wieder sah sie dahinter Lüge und große Zerstörung. Das Lächeln auf den Gesichtern erlosch, als sie nicht kam, den Vertrag zu unterzeichnen. Doch der Schrecken auf dem Gesicht des Kerkerknechtes war ihr zu frisch im Gedächtnis. Etwas Böses hatte gelauert hinter diesem Angebot. Und wenn auch ein Wunsch in ihr war, Elend und Armut hinter sich zu lassen, etwas hielt sie zurück jetzt diesen Weg einzuschlagen. Angst, Trauer und eine gewisse Erleichterung blieben zurück, als die Wesen sie im Traum verlassen hatten. Und ein Gefühl von Gefahr und Angst lastete im Raum, die ganze Nacht.

Bald darauf kam ein edler Mann zu dem Krämer, dem sie als niederste Magd diente. Seine Blicke folgten ihr und sie bemerkte ein Erstaunen bei ihm, das sie nicht verstand. Er fragte den Krämer nach ihr, wer sie sei und wie er an sie gekommen sei. „Oh, das Hexenbalg,“ kicherte der, „die hat mir ihre Mutter überlassen kurz bevor sie verhaftet wurde. Eine schlechte Magd, hoher Herr. Sie arbeitet langsam, träumt viel und sie liegt mir mehr auf der Tasche, als sie mir nützt. Außerdem gehen meine Geschäfte schlechter, seit sie im Hause ist. Wollt ihr sie haben, hoher Herr, ich sehe sie gefällt euch. Aber glaubt mir, sie bringt einen Fluch mit. Ich überlege sogar, sie als Hexe anzuzeigen. Sie ist bestimmt nicht viel besser als ihre Mutter.“ „Ihr seid ein schlechter Händler, wenn ihr eure Ware so anpreist,“ entgegnete der Herr mit glatter Stimme. „Oh nein,“ gab der zur Antwort, „wer so ein Hexenbalg verkauft ohne die Wahrheit zu sagen, der lädt einen schweren Fluch auf sich und sein Haus. Das müssen sie doch wissen, hoher Herr.“ „Wenn sie tatsächlich solch ein Hexenbalg ist, wie ihr sagt, mein Freund, dann liegt der Fluch längst auf eurem Haus und wird euch nicht verlassen solange ihr lebt und selbst eure Nachkommen werden lange daran tragen. Doch kann ich diesen Fluch von euch nehmen. Überlasst sie mir für ein Weniges von zehn Goldstücken und ich nehme alles mit mir, was dieses Mädchen in euer Haus gebracht hat.“ Bei dieser Rede war der Krämer zunächst totenbleich geworden, denn er war sehr abergläubisch. Doch dann hatte sich seine Miene aufgehellt und die Aussicht auf zehn Goldstücke war mehr als verlockend für ihn, denn das war der Verdienst eines halben Jahres. Was er aber nicht sah, war der große Schatten der Habgier über seinem Haus, der jetzt wuchs und dunkler wurde. Seit dieser Begegnung wachte der Krämer jede Nacht auf und war in Sorge um sein Gold und seine Habe.

Das Hexenkind aber zog ins Haus den reichen Mannes, der ihr bessere Kleider gab und ein Zimmer anwies, klein und kalt, mit einem harten Bett, aber besser als alles, was sie je gehabt hatte. Einmal, als sie nach getaner Arbeit früher als gewöhnlich in ihr Zimmer zurückkehrte überraschte sie ihren Herrn dabei, wie er ihre wenigen Habseligkeiten durchwühlte. Er hielt ein paar Aufzeichnungen ihrer Mutter in der Linken und in seinen Augen lag ein Ausdruck von Gier und wilder Freude, der sie an das zerfressene Lächeln der Wesen in ihrem Traum erinnerte. Wortlos verließ der Herr das Zimmer, die Blätter wie achtlos auf ihr Lager geworfen.

Wieder erschienen ihr die Wesen im Traum. Sie waren schöner denn je und in festliche, glänzende Gewänder gekleidet. Ihre Versprechen wurden immer blumiger und sie bemühten sich sehr um eine ausgesuchte Freundlichkeit. Doch sie verströmten einen Geruch von Fäulnis und Verwesung, kaum wahrnehmbar, aber er war da. So blieb sie wachsam und tat ihnen ihren Willen nicht.

An ihrem neuen Herrn bemerkte sie eine Art lauernder Aufmerksamkeit, als ob er auf etwas wartete. Es schien ihr als wisse er von ihren nächtlichen Begegnungen und als wartete er darauf, dass sie endlich nachgab. Das tat sie bald als Einbildung ab, denn ihr neuer Herr war freundlich mit ihr, mehr als mit dem übrigen Gesinde, das sogar schon scheel nach ihr sah. Doch niemand tat ihr etwas Böses. Fast schien es ihr, als hätten sie Angst. Da spürte sie zum ersten Mal so etwas wie Macht über Menschen und es begann ihr zu gefallen.

Ihr Herr gab ihr neue Kleider aus feinem Stoff, dunkel und mit Verzierungen, die golden und silbern schimmerten. Wenn man sie länger ansah, konnte man Geschichten darin erkennen von Geistern und schönen Zauberinnen, die in reichen Gärten wandelten. Ein solches Zauberkleid hatte ihre Mutter nie besessen. Sie begann das Haus in dem sie jetzt lebte mit neuen Augen zu sehen. Es erschien ihr immer schöner mit seinen hellen Fenstern, den schönen Gängen und den reichen Verzierungen allenthalben. Jetzt waren die Wesen in ihrem Traum zu schönen Engeln geworden. Sie versprachen ihr das Haus und seine Schätze. Denn ihr Herr nähme sie an Kindes statt an, wenn sie nur unterschriebe. Auch wirkten die Zeichen auf dem Blatt gar nicht mehr finster und gefährlich, sondern schön und verheißungsvoll. Sie versprachen Macht und Reichtum und Wohlstand. Sie sollte nur ihrem neuen Vater zu Willen sein und ihm helfen bei seinen täglichen Verrichtungen. Seine Schülerin sollte sie werden. Denn er war ein großer Mann in der Welt, bewandert in vielen Künsten und sein Einfluss reichte weit im Land. Da wusste sie, sie könnte eine große Zauberin werden, schön und gefährlich, mit großer Macht über Geister und Dämonen. Sie könnte Reichtümer erwerben, größer und schöner als alles was sie im Hause ihres Herrn sah. Doch dann erblickte sie im Traum das Gesicht des Knechts aus dem Kerker und den Schrecken der ihn gepackt hatte am Grab der Mutter. Jetzt trat ihr Herr im Traum ins Zimmer. Seine Kleider schimmerten in einem festlichen Licht und er lächelte ihr freundlich zu. Auch wenn in dem Lächeln ein leiser Misston lag, er wärmte ihr das Herz. So unterzeichnete sie den Vertrag mit ihrem eigenen Blut und schrieb einen Namen, den sie bis dahin nicht gekannt hatte, einen Namen der Finsternis und des Todes, aber ihr schien er schön und herrlich zu sein, ein Name des Lichts.

Von dieser Nacht an war ihr Herr auch ihr Vater geworden und er nahm sie mit an Kindes Statt zu vielen seiner Verrichtungen. Sie bemerkte an sich ein Verlangen nach Schätzen, das ihr bis dahin unbekannt war, auch eine Freude an Bosheiten und Quälereien des Gesindes, die ihr neu war. Zorn und Hass, Ungeduld und Kränkung anderer wurden immer stärker. Aus ihr war eine schreckliche und schöne Dame geworden. Die jungen Männer folgten ihr mit ihren Blicken und es bereitete ihr Freude, ihnen Hoffnungen zu machen, nur um sie anschließend zurück zu stoßen und zu kränken. Wurde ihr jemand gram deswegen, so belegte sie ihn mit einem Fluch und sah zu, wie er sich in Qualen wand. Ihr Vater unterwies sie in den Künsten ihrer Mutter, bis sie zu großen Zauberkräften kam. Dann beteiligte er sie an den Ränken die er schmiedete im Land um seine Macht zu mehren und seine Feinde zu schlagen. Er lehrte sie die Lüge zu gebrauchen, Betrug und Verrat. Sie lernte schnell und half ihrem Vater zu sehr großer Macht. Niemand wagte ihn anzugreifen. Und obwohl alle wussten, dass er Zauberei trieb, rührte ihn doch niemand an. Zu groß war seine Macht und niemand wollte den Schrecken spüren, den er aussenden konnte.

Finstere Männer und Frauen schlossen sich ihnen an und immer größer wurde ihre Macht im Land. Da war niemand, der ihnen widerstehen konnte und sie gingen wohin immer sie wollten. Mord und alle Unreinheit trieben sie im Verborgenen. Den bösen Geistern waren sie zu Willen und empfingen dafür immer mehr Macht und Reichtum und Einfluss. So mächtig wurde das Hexenkind, dass Magier und böse Könige aus benachbarten und aus fernen Reichen kamen sie zu sehen, ihr zu huldigen und zu dienen.

Jetzt lachte sie über den armseligen Tod ihrer törichten Mutter, die nur eine schwache Hexe gewesen war. Sie würde über jede Macht und über jeden Dämon triumphieren, der sich ihr in den Weg stellte. Schnell war ihr Aufstieg und groß war ihr Stolz geworden. Ihr Name war Isabel die Große. Doch ihre Nächte wurden schrecklich. Sie schlief nie allein und das Licht durfte nie gelöscht werden in ihrem Schlafgemach. Sie wälzte sich oft in schweren Träumen und niemand konnte ihr helfen.

Ein Junge zählte zu ihren Dienern, dessen Familie sie hatte ermorden lassen. Der war ein Kind von schwachem Verstand und sie hatte ihn am Leben gelassen, um ihren Spott mit ihm zu treiben. Sie hasste ihn sehr, ohne dass sie genau sagen konnte warum und sie quälte ihn wo immer sie konnte. Dass der Junge trotzdem ruhig blieb, seinen Mut nicht verlor und sogar auf eine ganz eigene Weise fröhlich zu sein schien, das brachte sie nur noch mehr in Wut.

So gebot sie einigen ihrer grausamsten Dämonen, das Kind zu quälen und zu ängstigen, bis er seine Zuversicht verloren hätte. Doch schon bald kehrten sie unverrichteter Dinge zurück. Vielmehr hatten sie selbst Wunden und schwere Verbrennungen davongetragen. Der Junge dagegen schien fröhlicher denn je zu sein. Auf die Frage, wer sie so zugerichtet hätte, erhielt sie von ihren Dämonen keine Antwort. Sie schienen Angst davor zu haben, ihr die Wahrheit mitzuteilen ...

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Eine wichtige Quelle für das Wirken dämonischer Mächte in der Todesstunde war das Büchlein "Gesichte" von Sadhu Sundar Singh. Es ist sehr empfehlenswert, wenn man sich ohne Gefahr über das Jenseits und seine Bedeutung für unser Leben informieren möchte. Mit etwas Glück ist es vielleicht antiquarisch zu erwerben. Seine gesammelten Schriften sind auf jeden Fall erhältlich, aber nicht für jeden genießbar. Von jeder Form okkulter oder esoterischer Praktiken oder Literatur in diesem Zusammenhang kann ich nur warnen. Was zunächst sehr harmlos wirkt, kann sich zu einem namenlosen Schrecken auswachsen. Die schlechten Träume und die Angst im Dunkeln nach manchen Horrorfilmen sollten jedem schon mehr als ausreichen.

Heute stieß ich auf einen Blog, der ein bisschen illustriert, was ich meine, auch wenn diese Frau nichts von dem gesucht hat, was sie ereilte.