Kein Spiel
Alles Wesentliche im Leben ist Begegnung. Martin Buber
23 Juni 2005
14 Juni 2005
Du bist der Keks
Nichts, absolut nichts davon. Der Dornbusch brannte, Gott sprach und Mose erhielt die Offenbarung Gottes. Warum spricht Gott dann nicht viel öfter durch Steine, Türklinken oder Gummibärchen? Weil die nicht antworten können. Weil sie keinen eigenen Willen haben und darum auch nicht freiwillig glauben und handeln können. Gott liebt es, wenn wir ihm vertrauen. Er liebt es, wenn wir mit ihm reden, wie Kinder mit ihrem Vater. Er liebt es, wenn wir einfach tun, was er sagt, ohne langes Trara.
Es ist absolut Gottes Sache, wie und wann er durch uns wirkt. Er entscheidet, was er tut, wann er es tut und auf welche Weise. Wir haben damit überhaupt nichts zu tun. Der Stolz in uns findet das natürlich blöd. Aber wir sind nicht im Geringsten dazu in der Lage, Gottes Willen aus unserer Kraft heraus zu tun. Mose hatte das vierzig Jahre zuvor versucht, als er einen Ägypter erschlug, um einem Landsmann zu helfen und war kläglichst gescheitert. Das ist so, als wollte ein trockener Dornstrauch versuchen aus seiner eigenen Kraft heraus zu brennen. Wie lange brennt ein trockener Dornstrauch? Der verbrennt so schnell, dass es fast eine Verpuffung ist. Wuff und weg. Mose hat vierzig Jahre gebraucht, um so weit zu kommen, dass Gott wenigstens mit ihm darüber reden konnte. Aber rumgezickt hat er immer noch. „Nää, ich kann das nicht, ich kann nicht reden, das sind so viele, die werden mir nicht folgen und da ist noch der Pharao. Schick doch jemand anders“. Die erste Lektion hatte er immerhin gelernt: Wenn ich versuche Gottes Willen aus meiner Kraft und auf meine Weise zu tun, macht es Wuff und Ende. Denn es war ja ganz klar Gottes Wille, dass das Volk befreit wurde. Aber nicht durch die Kraft des Mose, sondern durch seine Kraft. Wir wollen so gerne mischen. Ein bisschen unsere Kraft, damit unser Stolz nicht so rummault und wir was zum Angeben haben, und gaaanz viel Kraft Gottes, weil es sonst nicht wirklich geht. Aber bitte auf unsere Weise, also Wasserfall und nicht Feuer. Niiicht Feuer! Nix da. Ja, sind wir denn vollständig bescheuert? Pfoten weg, von dem, was Gott tun will. Deine und meine kleinen Rattenpfötchen haben am Werk Gottes aber auch gar nichts zu suchen. Ich fasse doch auch nicht an eine Starkstromleitung. Es geht nicht um uns. Es geht um ihn und was er tun will. Du bist der Keks, der Dornstrauch, das Gummibärchen. Und wenn Gott dich schickt, dann sagst du, Tschüss Mama, tschüss Papa, tschüss Kumpels, tschüss Computer, tschüss Berufspläne, ich muss was erledigen. Vielleicht komme ich mal wieder, vielleicht auch nicht. Dann gehst du und machst es. Gott wird sich durch dich offenbaren. Er liebt es wenn er das tun kann, ohne dass du deine Birne ständig ins Bild schiebst. Das zu lernen, geht nur auf die harte Tour. Meistens lässt Gott uns warten und schmoren. Bei Mose waren’s vierzig Jahre, bei mir bisher zehn, keine Ahnung, was dir bevorsteht. Aber rechne nicht mit einem Schnellkurs. Je schneller du fertig werden willst, um so länger dauert es. So was ist tödlich für die eigenen Ambitionen. Am Ende sind wir besser in der Lage zu sagen: Du, Herr, sollst zu Ehren kommen. Meine Birne lassen wir da schön raus.
Gott hat so großes mit dir vor. Du sollst Kranke heilen, Tote auferwecken, Dämonen austreiben und Menschen, die in ihren Sünden tot sind in das Leben mit Gott rufen. Das kannst du gar nicht. Wenn du da deine Birne ins Bild hältst oder deine Methoden verwenden willst, geht da überhaupt nichts. Wuff und weg.
Wenn du ein bisschen Sonntagsgottesdienst willst, Hauskreis und Kirchenchor, oder besser Worshipband, all dieses belanglose fromme Einerlei, das völlig ohne Risiko über die Bühne geht, dann bist du absolut falsch bei Gott. Spiel weiter. Du und ich haben nichts miteinander zu tun.
Wenn du glaubst, du bist ein begnadeter Mensch und wirst die Welt schon retten, zumindest einen Teil davon. Dann tu es. Das ist besser als gute Gefühle in der Anbetungszeit. Es sind zwar Scheißgefühle, wenn’s nicht klappt und du merkst, es macht einfach wuff und du bist weg. Aber du hast wenigstens die Chance etwas Wichtiges zu begreifen: Du kannst es nicht. Du bist es nicht. Vergiss es. Je eher, desto besser.
Weil aber niemand diese Dinge theoretisch versteht, müssen wir wahrscheinlich alle die Wuff-und-weg-Erfahrung machen. Das tut sauweh. Aber es hat mit dem zu tun, was die Bibel sterben nennt. Sterben für die Sünde, sterben für das alte Leben, sterben für den Stolz. Dann lässt Gott uns schmoren. Er lässt auch ein paar Dinge verbrennen in unserem Leben, hängt uns ein paar satte Probleme um den Hals und lässt kostbare Zeit verstreichen. Er hat so Großes vor. Da kann er es sich nicht leisten, dass wir jeden Augenblick rumzicken und unsere eigene Birne ins Bild halten. Er kann und will es sich nicht leisten, dass wir immer wieder unsere kleinen Pfötchen dazwischenhalten, wenn er gewaltige Dinge bewegt. Denn dann muss er immer wieder stoppen, schon allein damit wir unsere Fummelfinger behalten.
Gott ist Gott und du bist der Keks. Wenn das klar ist, hast du eine echte Chance Gott kennen zu lernen und zu seinem Freund zu werden. Mose konnte alles tun, was Gott von ihm verlangte. Das Meer teilte sich, Essen fiel vom Himmel und Wasser quoll aus dem Felsen. Er erhielt das Gesetz Gottes und er formte aus dem Lotterhaufen in der Wüste ein Volk, das Gottes Gedanken verkörperte. Konnte Mose so etwas tun? Niemals. Er war nur der Keks, der Dornstrauch. Und Gott tat es. Mose war der demütigste Mensch, heißt es. Und Gott sprach mit ihm, wie ein Mann mit seinem Freund redet. In diesen beiden Dingen lag das Geheimnis der bleibenden Kraft Moses. Aber er lebte weder das schöne Leben am ägyptischen Königshof, das er hätte haben können, noch das ruhige Leben eines Hirten am Rande der Wüste, mit netter Frau und glücklicher Familie. Es ist ein elender Irrtum zu glauben, Gott verleiht dem Leben, das du gerne führen möchtest, eine fromme Goldkante samt garantiertem Platz im Himmel. Ich weiß nicht, wer sich so was ausdenkt. Du wirst sterben müssen, wenn du das Leben haben willst. Das ist nicht bequem und nicht sicher und überhaupt nicht leicht.
Die Sache mit Israel ist bereits erledigt. Deine Sache aber noch nicht. Was willst du tun? Und wenn du jetzt richtig Schiss hast, ist das ein gutes Zeichen. Wer noch lächelt hat möglicherweise nichts verstanden. Wer Schiss hat, mit dem bin ich bereit zu reden. Wer das hier einfach cool findet, ist für mich nicht interessant. Ich verschwende ungern Zeit.
10 Juni 2005
Wo Gegensätze sich berühren
Kraft und Schwäche, Tod und Auferstehung, Leere und Erfüllung, Leid und Freude, Armut und Reichtum liegen bei Gott sehr nahe beieinander, als sei das Leben wie eine Möbiusschleife, die gegenüberliegende Ebenen vereinigt oder eine so weit gekrümmte Ebene, dass sich am Ende völlige Gegensätze berühren. Und genau an diesem Punkt entlädt sich etwas, das eine unglaubliche Kraft entfaltet.
Möglich wird dies durch Demut. Unser Anmarschweg ist das Sterben, die Entkräftung, Leere und Leid. Dies ist notwendig, weil mit uns auch jene Macht stirbt, die uns von Anfang an von Gott trennt: der Hochmut. Vielleicht ist dies die tiefste Wurzel aller Sünde und Rebellion gegen Gott und die hartnäckigste.
Wir sind wie löchrige Mauern, rissige Dämme durch die die Sünde hereinquillt. Habgier, Lust, Ansehen und Herrschsucht sind die vier klassischen Risse, aber der Erzriss, der am schwersten zu stopfende, ist der Stolz. Er entzieht sich jedem Zugriff in tausend Tarnungen, die wir ihm nur zu bereitwillig gewähren. Denn er wurzelt tief direkt im Lebendigen und krallt sich ins Herz. Ihn zu entfernen heißt, den Tod auf sich nehmen. Vielleicht ist dies, was die Bibel meint, wenn sie sagt, dass wir der Sünde gestorben sein sollen.
Viele Große im Reich Gottes machten ein erstaunliches Aufhebens um diese Dinge. Sie waren überzeugt, dass hier ein großes Geheimnis der Vollmacht und des geistlichen Lebens liegt. Und ich fürchte, sie hatten absolut recht. Der Stolz muss sterben und die Demut muss den Sieg davontragen. So wie auf dem Boden des Stolzes jede Sünde Wurzelboden findet und gedeihen kann, so findet auf dem Boden der Demut jede Gnade und jede Gabe Gottes Raum und kann wachsen. Den Stolz zu verlassen und die Demut zu finden, ist die größte Freude, die einem Jünger widerfahren kann. Die Demut willkommen zu heißen bedeutet, den Tod willkommen zu heißen, die Schwäche, die Leere und das Leid. Aber nicht um darin zugrunde zu gehen, sondern um dem Stolz seine Macht zu rauben, der Tod, Leere, Schwäche, Armut und Leid nicht ertragen kann. Indem wir diesen Tod erdulden, willentlich, im Vertrauen auf Gott, der uns erretten wird, verliert der Stolz seine Macht. Vielleicht ist es aufschlussreich unter diesem Gesichtspunkt einige Stellen im Neuen Testament nachzulesen. Kann es etwas mit Stolz und Demut zu tun haben, wenn Paulus in Römer 7 davon schreibt, dass er das Gute, das er tun will nicht tut, aber das Böse, das er nicht will. Es klingt wie ein Todeskampf und der Schrei eines Sterbenden, wenn er ausruft: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes?“ Kann es sein, dass hier ein Mensch in seinem Bemühen gut zu sein und das Richtige zu tun endgültig verzweifelt? Hier endet vielleicht sogar die vertrackteste Spielart des Hochmutes, die der selbstgeschaffenen Gerechtigkeit durch eigenes Gutsein. Nichts geht mehr. Und jetzt kommt es zur Berührung der Gegensätze: Im Tod ist das Leben, in der Verzweiflung das Glück, in der Ohnmacht die Kraft und in der Niederlage der Sieg. Tod und Auferstehung: „Ich danke Gott, der mir den Sieg gibt in Christus.“ Der lebendige Gott kommt seinem demütigen Diener nahe und er erlebt seine Bestimmung, ein Ort der Gegenwart Gottes zu sein, ein demütiges Gefäß der Gnade. In diesen Momenten erkennen wir Menschen unsere Heimat und unsere Bestimmung. Bleibende Demut, die sehr teuer ist, macht uns zu bleibenden Gefäßen der Gnade, der Gegenwart Gottes und seiner Macht. Wer will uns dann noch widerstehen? Auf einmal werden schwache Menschen zu einer Brücke zwischen dieser und der jenseitigen Welt und ungeahnte Kräfte werden frei, die die Welt verändern. Plötzlich fließen jene Ströme lebendigen Wassers, die Jesus uns verheißen hat. Dann haben wir tatsächlich etwas zu geben. Lebenspendendes Wasser für eine durstige Welt. Wahrheit für eine Welt in der Lüge, Reichtum für eine Welt im falschen Reichtum, Heilung für eine Welt in Krankheit und Befreiung für eine Welt in dämonischer Knechtschaft. Niemand widersteht einem demütigen Diener Gottes. Das ist nicht möglich. Jedermann muss Stellung beziehen zum Leben oder zum Tod. Weil aber Gottes Macht da ist, sind die Tore zum Himmel weit offen.
Das Hexenbalg
Dieser Artikel entstand nach einem ersten Kontakt mit dämonischen Mächten. Ich suchte sie nicht, sondern ich störte sie. Sie hassen mich und das ist mir recht. Ich widerstehe ihnen und bekämpfe sie, woimmer es nötig wird. Ich spiele nicht mit ihnen. Niemals. Wie viele meiner Texte ist auch dieser nur ein Fragment, das wohl nie vollendet wird. Auch wenn es weit grausigere Geschichten gibt, wer zur Furcht neigt, sollte vielleicht besser nicht weiterlesen.
Nur das trockene Rasseln eines bösen fremden Atems drang in ihr düsteres Verlies. Wie eine dunkle Prozession verirrter Mönche zogen traurige Gedanken durch ihren Sinn. Irgendwo raschelten Ratten und suchten im Dreck nach etwas zu Fressen. Da waren diese Stimmen in ihrem Inneren. Sie flüsterten, irrlichterten in ihr herum und verhöhnten sie mit nachhallendem Gekicher. Manchmal wurde sie fast verrückt vor Angst. Nachts erhoben sich schreckliche Gestalten aus den dunkelsten Winkeln des Kerkers. Schatten all der hier verübten Grausamkeiten. Manchmal schien es als spielten sie mit bösen, schleppenden Bewegungen nach, welche Schrecken hier einst verübt worden waren. Warum nur waren so viele gekommen, sie zu quälen? Tag für Tag und Nacht für Nacht gingen fremde Mächte rücksichtslos durch ihr Leben. Alles, was sie eingeladen hatte in Ritualen, die ihr erst harmlos erschienen waren, aber dann eine bedrohliche Macht entfalteten. Sie war betrogen worden von den Steinen des Lichts und den Sprüchen der weißen Magie und dem Kristall der Zukunft. Allzu schnell hatte die Angst Einzug gehalten in ihren Träumen und finstere Besucher hatten sich eingestellt, die sie nie gerufen hatte. So glaubte sie zumindest.
Jetzt war sie als Hexe überführt und verurteilt. Doch hinter ihren Richtern hatte sie Schatten gesehen, die waren wie ihre eigenen Besucher. Welche Finsternis war über die Welt gekommen? Es kostete sie Anstrengung über ihr Leben nachzudenken. Sie suchte nach einem Pfad, einem Schlüssel, einem Ausweg. Als könne eine wie sie noch Hoffnung haben. Und doch war da etwas in ihr, das wollte leben. Sie wollte hier nicht bleiben und sterben. Eine große Gestalt mit bleichem Gesicht löste sich aus dem Schatten der Wand. Dunkle, böse Augen schauten sie prüfend an. Das Wesen beugte sich über sie. Voller Angst suchte sie Schutz im hintersten Winkel ihres Gefängnisses. Sie wich zurück, soweit die Kette an ihrem Fuß dies zuließ. Sie wollte schreien, doch kein Laut entrang sich ihrer Kehle. Etwas drückte auf ihre Brust, dass sie nicht Atem holen konnte. Es wurden immer mehr Wesen der Finsternis, die jetzt um ihr Lager sich versammelten und ihre Angst steigerte sich ins Unermessliche. Ein finsterer Riese, der Tod hieß blickte auf sie herab und seine bloße Anwesenheit ließ ihr das Herz fast stillstehen. Jetzt erkannte sie, die Besucher waren gekommen sie in ihre Welt zu holen, wo sie auf ewig unter den Schatten würde wohnen müssen, die sie so lange gerufen und sich gefügig gemacht hatte. Aber sie war betrogen worden, betrogen. Kein Dienst war ohne Gegenleistung erfolgt. Stets folgte ein Schuldschein auf ihre eigene Zukunft. Anderes nahmen sich die Wesen sofort und ungefragt, vieles stahlen sie heimlich und verwüsteten ihr Leben wo immer sie konnten. Und jetzt kam die Stunde der Abrechnung. Sie würde zahlen müssen, mit ihrem Leben und mit ihrer Ewigkeit. Verzweifelt suchte sie nach Hilfe und Rettung. Doch als sie die Wesen verfluchen wollte, leuchtete nichts als bösester Triumph in den leeren Augen auf. Machtlos war sie und vollkommen verloren. Scheinbar.
Als man sie am nächsten Morgen fand, schien sie über Nacht um Jahre gealtert. Ausgezehrt, zusammengekrümmt und mit schreckensgeweiteten Augen lag ihr toter Leib im Schmutz des Kerkers. Selbst der Knecht des Kerkermeisters, der viele Schrecken gesehen hatte, wandte sich mit Grausen ab vom Bild dieses Jammers.
Noch am selben Tag verscharrte man die Leiche im Schandhof hinter dem Kerker, einem verrufenen Platz, den die Leute selbst am hellen Tage mieden. Nur ein Mädchen war gekommen, das in viel zu dünne Lumpen gehüllt mit blau gefrorenen Füßen dem schändlichen Begräbnis von ferne zusah. Verlorenheit sprach aus ihren Augen. Und da sah der Knecht des Kerkermeisters, dass jenes Mädchen dort nicht allein stand. Dunkle Schatten hatten sich um sie versammelt und er sah, dass sie in großer Gefahr war. Doch als er die Stimme erheben wollte, sie zu warnen, erhob sich ein Schatten unmittelbar vor ihm aus dem Nichts. Da war ein Schrecken, den dieses Wesen verbreitete und es gebot ihm Schweigen, dass nur ein leiser erstickter Schrei zu hören war. Mit Erstaunen sah das Mädchen, wie der Kerkerknecht wankte, den Mund öffnete als wolle er rufen, aber nur ein erstickter, rasch ersterbender Ton herauskam. Sonst sah sie nichts. Nur eine merkwürdige Angst überkam sie. Sie spürte eine Gefahr in ihrer Nähe, die sie sich nicht erklären konnte.
Die Frau dort war ihre Mutter gewesen. Doch sie spürte keinen Verlust und keinen großen Schmerz, nur eine eigenartige Leere und große Hoffnungslosigkeit. Angstvoll hatte der Knecht sie angesehen, als er mit seiner Schaufel auf der Schulter an ihr vorübergegangen war.
In der folgenden Nacht erschienen ihr seltsame Wesen im Traum. Sie taten sehr freundlich, doch ihr Lächeln war eigenartig verzerrt. Es wirkte wie angefressen, von innen heraus zerstört. Sie stellten sich vor als die Diener ihrer verstorbenen Mutter. Jetzt wollten sie ihr dienen und stets zu Willen sein. Sie machten Versprechungen von Reichtum und Macht und zeigten ihr einen Vertrag, der mit seltsamen Zeichen und Runen bedeckt war, die sie nicht verstand. Aber die Zerstörung hinter den Gesichtern der Wesen schien auch hinter diesem Papier zu lauern. Die Wesen winkten ihr, zu kommen und diesen Vertrag zu unterschreiben. So bekäme sie viel größere Macht, als ihre Mutter sie je besessen hätte. Anders bliebe sie arm und stürbe bald im Unglück. Wieder lächelten die Wesen so freundlich sie irgend konnten. Aber wieder sah sie dahinter Lüge und große Zerstörung. Das Lächeln auf den Gesichtern erlosch, als sie nicht kam, den Vertrag zu unterzeichnen. Doch der Schrecken auf dem Gesicht des Kerkerknechtes war ihr zu frisch im Gedächtnis. Etwas Böses hatte gelauert hinter diesem Angebot. Und wenn auch ein Wunsch in ihr war, Elend und Armut hinter sich zu lassen, etwas hielt sie zurück jetzt diesen Weg einzuschlagen. Angst, Trauer und eine gewisse Erleichterung blieben zurück, als die Wesen sie im Traum verlassen hatten. Und ein Gefühl von Gefahr und Angst lastete im Raum, die ganze Nacht.
Bald darauf kam ein edler Mann zu dem Krämer, dem sie als niederste Magd diente. Seine Blicke folgten ihr und sie bemerkte ein Erstaunen bei ihm, das sie nicht verstand. Er fragte den Krämer nach ihr, wer sie sei und wie er an sie gekommen sei. „Oh, das Hexenbalg,“ kicherte der, „die hat mir ihre Mutter überlassen kurz bevor sie verhaftet wurde. Eine schlechte Magd, hoher Herr. Sie arbeitet langsam, träumt viel und sie liegt mir mehr auf der Tasche, als sie mir nützt. Außerdem gehen meine Geschäfte schlechter, seit sie im Hause ist. Wollt ihr sie haben, hoher Herr, ich sehe sie gefällt euch. Aber glaubt mir, sie bringt einen Fluch mit. Ich überlege sogar, sie als Hexe anzuzeigen. Sie ist bestimmt nicht viel besser als ihre Mutter.“ „Ihr seid ein schlechter Händler, wenn ihr eure Ware so anpreist,“ entgegnete der Herr mit glatter Stimme. „Oh nein,“ gab der zur Antwort, „wer so ein Hexenbalg verkauft ohne die Wahrheit zu sagen, der lädt einen schweren Fluch auf sich und sein Haus. Das müssen sie doch wissen, hoher Herr.“ „Wenn sie tatsächlich solch ein Hexenbalg ist, wie ihr sagt, mein Freund, dann liegt der Fluch längst auf eurem Haus und wird euch nicht verlassen solange ihr lebt und selbst eure Nachkommen werden lange daran tragen. Doch kann ich diesen Fluch von euch nehmen. Überlasst sie mir für ein Weniges von zehn Goldstücken und ich nehme alles mit mir, was dieses Mädchen in euer Haus gebracht hat.“ Bei dieser Rede war der Krämer zunächst totenbleich geworden, denn er war sehr abergläubisch. Doch dann hatte sich seine Miene aufgehellt und die Aussicht auf zehn Goldstücke war mehr als verlockend für ihn, denn das war der Verdienst eines halben Jahres. Was er aber nicht sah, war der große Schatten der Habgier über seinem Haus, der jetzt wuchs und dunkler wurde. Seit dieser Begegnung wachte der Krämer jede Nacht auf und war in Sorge um sein Gold und seine Habe.
Das Hexenkind aber zog ins Haus den reichen Mannes, der ihr bessere Kleider gab und ein Zimmer anwies, klein und kalt, mit einem harten Bett, aber besser als alles, was sie je gehabt hatte. Einmal, als sie nach getaner Arbeit früher als gewöhnlich in ihr Zimmer zurückkehrte überraschte sie ihren Herrn dabei, wie er ihre wenigen Habseligkeiten durchwühlte. Er hielt ein paar Aufzeichnungen ihrer Mutter in der Linken und in seinen Augen lag ein Ausdruck von Gier und wilder Freude, der sie an das zerfressene Lächeln der Wesen in ihrem Traum erinnerte. Wortlos verließ der Herr das Zimmer, die Blätter wie achtlos auf ihr Lager geworfen.
Wieder erschienen ihr die Wesen im Traum. Sie waren schöner denn je und in festliche, glänzende Gewänder gekleidet. Ihre Versprechen wurden immer blumiger und sie bemühten sich sehr um eine ausgesuchte Freundlichkeit. Doch sie verströmten einen Geruch von Fäulnis und Verwesung, kaum wahrnehmbar, aber er war da. So blieb sie wachsam und tat ihnen ihren Willen nicht.
An ihrem neuen Herrn bemerkte sie eine Art lauernder Aufmerksamkeit, als ob er auf etwas wartete. Es schien ihr als wisse er von ihren nächtlichen Begegnungen und als wartete er darauf, dass sie endlich nachgab. Das tat sie bald als Einbildung ab, denn ihr neuer Herr war freundlich mit ihr, mehr als mit dem übrigen Gesinde, das sogar schon scheel nach ihr sah. Doch niemand tat ihr etwas Böses. Fast schien es ihr, als hätten sie Angst. Da spürte sie zum ersten Mal so etwas wie Macht über Menschen und es begann ihr zu gefallen.
Ihr Herr gab ihr neue Kleider aus feinem Stoff, dunkel und mit Verzierungen, die golden und silbern schimmerten. Wenn man sie länger ansah, konnte man Geschichten darin erkennen von Geistern und schönen Zauberinnen, die in reichen Gärten wandelten. Ein solches Zauberkleid hatte ihre Mutter nie besessen. Sie begann das Haus in dem sie jetzt lebte mit neuen Augen zu sehen. Es erschien ihr immer schöner mit seinen hellen Fenstern, den schönen Gängen und den reichen Verzierungen allenthalben. Jetzt waren die Wesen in ihrem Traum zu schönen Engeln geworden. Sie versprachen ihr das Haus und seine Schätze. Denn ihr Herr nähme sie an Kindes statt an, wenn sie nur unterschriebe. Auch wirkten die Zeichen auf dem Blatt gar nicht mehr finster und gefährlich, sondern schön und verheißungsvoll. Sie versprachen Macht und Reichtum und Wohlstand. Sie sollte nur ihrem neuen Vater zu Willen sein und ihm helfen bei seinen täglichen Verrichtungen. Seine Schülerin sollte sie werden. Denn er war ein großer Mann in der Welt, bewandert in vielen Künsten und sein Einfluss reichte weit im Land. Da wusste sie, sie könnte eine große Zauberin werden, schön und gefährlich, mit großer Macht über Geister und Dämonen. Sie könnte Reichtümer erwerben, größer und schöner als alles was sie im Hause ihres Herrn sah. Doch dann erblickte sie im Traum das Gesicht des Knechts aus dem Kerker und den Schrecken der ihn gepackt hatte am Grab der Mutter. Jetzt trat ihr Herr im Traum ins Zimmer. Seine Kleider schimmerten in einem festlichen Licht und er lächelte ihr freundlich zu. Auch wenn in dem Lächeln ein leiser Misston lag, er wärmte ihr das Herz. So unterzeichnete sie den Vertrag mit ihrem eigenen Blut und schrieb einen Namen, den sie bis dahin nicht gekannt hatte, einen Namen der Finsternis und des Todes, aber ihr schien er schön und herrlich zu sein, ein Name des Lichts.
Von dieser Nacht an war ihr Herr auch ihr Vater geworden und er nahm sie mit an Kindes Statt zu vielen seiner Verrichtungen. Sie bemerkte an sich ein Verlangen nach Schätzen, das ihr bis dahin unbekannt war, auch eine Freude an Bosheiten und Quälereien des Gesindes, die ihr neu war. Zorn und Hass, Ungeduld und Kränkung anderer wurden immer stärker. Aus ihr war eine schreckliche und schöne Dame geworden. Die jungen Männer folgten ihr mit ihren Blicken und es bereitete ihr Freude, ihnen Hoffnungen zu machen, nur um sie anschließend zurück zu stoßen und zu kränken. Wurde ihr jemand gram deswegen, so belegte sie ihn mit einem Fluch und sah zu, wie er sich in Qualen wand. Ihr Vater unterwies sie in den Künsten ihrer Mutter, bis sie zu großen Zauberkräften kam. Dann beteiligte er sie an den Ränken die er schmiedete im Land um seine Macht zu mehren und seine Feinde zu schlagen. Er lehrte sie die Lüge zu gebrauchen, Betrug und Verrat. Sie lernte schnell und half ihrem Vater zu sehr großer Macht. Niemand wagte ihn anzugreifen. Und obwohl alle wussten, dass er Zauberei trieb, rührte ihn doch niemand an. Zu groß war seine Macht und niemand wollte den Schrecken spüren, den er aussenden konnte.
Finstere Männer und Frauen schlossen sich ihnen an und immer größer wurde ihre Macht im Land. Da war niemand, der ihnen widerstehen konnte und sie gingen wohin immer sie wollten. Mord und alle Unreinheit trieben sie im Verborgenen. Den bösen Geistern waren sie zu Willen und empfingen dafür immer mehr Macht und Reichtum und Einfluss. So mächtig wurde das Hexenkind, dass Magier und böse Könige aus benachbarten und aus fernen Reichen kamen sie zu sehen, ihr zu huldigen und zu dienen.
Jetzt lachte sie über den armseligen Tod ihrer törichten Mutter, die nur eine schwache Hexe gewesen war. Sie würde über jede Macht und über jeden Dämon triumphieren, der sich ihr in den Weg stellte. Schnell war ihr Aufstieg und groß war ihr Stolz geworden. Ihr Name war Isabel die Große. Doch ihre Nächte wurden schrecklich. Sie schlief nie allein und das Licht durfte nie gelöscht werden in ihrem Schlafgemach. Sie wälzte sich oft in schweren Träumen und niemand konnte ihr helfen.

